Purpose-Kapitalismus: Die Zukunft des Unternehmertums?

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„Eine gesunde Wirtschaft, die den Menschen dient“, so beschreibt purpose-economy.org ihr Ziel. Anstatt zu arbeiten, um den Firmeninhabern zum Wohlstand zu verhelfen, konzentrieren sich Purpose-Unternehmen auf einen Zweck. Dieses gemeinsame Ziel soll mit motivierten Mitarbeitern und gesellschaftlichem Mehrwert erreicht werden. Gewinne werden nicht unter den Eigentümern eines Unternehmens verteilt, sondern dazu verwendet, der Gesellschaft, der Umwelt und der Natur Gutes zu tun. Könnte so oder ähnlich das Unternehmertum der Zukunft aussehen?

Soziale Marktwirtschaft 2.0

Nicht falsch verstehen, sozial darf nicht mit Sozialismus verwechselt werden. Privateigentum ist nach wie vor erlaubt, aber das Modell versucht Chancengleichheit herzustellen. Darum sollen diejenige geschützt werden, die nicht Teil der Erwerbsbevölkerung sein können, wie alte oder behinderte Menschen.

Tatsächlich ist die soziale Marktwirtschaft bereits heute jenes Modell, welches wir in Deutschland oder der Schweiz beobachten können. Selbst die Europäische Union hat sich mit dem Vertrag von Lissabon darauf verständigt, eine „wettbewerbsfähige soziale Marktwirtschaft“ mit Vollbeschäftigung und sozialem Fortschritt anzustreben.

„Die Soziale Marktwirtschaft verbindet Privatwirtschaft mit Regulierung und staatlichen Eingriffen, um einen fairen Wettbewerb zu schaffen und ein Gleichgewicht zwischen hohem Wirtschaftswachstum, niedriger Inflation, niedriger Arbeitslosigkeit, guten Arbeitsbedingungen, sozialer Wohlfahrt und öffentlichen Dienstleistungen aufrechtzuerhalten.“

Prof. Dr. Andreas Suchanek

So weit so gut. Aber warum braucht es jetzt ein Update zu Version 2.0?
Die Bewegung strebt den „Aufbau einer Wirtschaft an, die den Menschen und der Gesellschaft dient„.

Daher verzichten Eigentümer und Gründer auf ihr Recht, ein Unternehmen zu besitzen. Darüber hinaus sind sie – wie jeder andere Arbeitnehmer auch – nur ein Zahnrad zum Erreichen des Unternehmenszwecks. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter nicht für ihren Chef arbeiten, sondern sich für ein gemeinsames Unternehmens-Ziel engagieren.
Dies gibt den Mitarbeitern neben der extrinsischen Motivation (Geld) eine intrinsische (Bedeutung) und soll ihre Arbeitsleistung nebenbei steigern.

„Unser Ziel: Eine Wirtschaft, die den Menschen und der Gesellschaft dient. Unternehmen, die sich auf Mitarbeiter, Kunden und sinnvolle Produkte konzentrieren.“

purpose-economy.org

Purpose-GmbHs der Gegenwart

Es gibt bereits heute einige gut funktionierende Beispiele welche beweisen, dass die Idee des Zweckkapitalismus nicht komplett utopisch ist.

Ecosia

Ecosia Logo von wikipedia.org

Das wohl bekannteste Beispiel ist die Suchmaschine Ecosia. Das Unternehmen wurde 2009 in Berlin gegründet. Genau wie die meisten Suchmaschinen verdient auch Ecosia Geld durch Werbung. Was sie hingegen von anderen unterscheidet ist, dass es sich um eine gemeinnützige Organisation handelt. Mehr als 80% des Gewinns für die Wiederaufforstung verschiedener Wälder gespendet. Der Rest wird für den Aufbau von Unternehmens-Reserven für härtere Zeiten verwendet.
Außerdem spendete der Gründer einen Teil seiner Firmenanteile an die Purpose Foundation. Damit verzichtete er auf das Recht, den Gewinn aus dem Unternehmen herauszunehmen oder Ecosia zu verkaufen.

Wildplastic

Ein weiteres deutsches Startup, das auf der Purpse-Welle surft, ist wildplastic.com. Man sammelt Plastikabfälle auf der ganzen Welt um die Umweltverschmutzung zu stoppen. Anschließend werden recycelte Materialien wieder in den Produktionskreislauf zurückgeführt.
Da Wildplastic eine ökologische Veränderung anstrebt und sich nicht selbst bereichern will, haben die Gründer beschlossen, eine „Zweckgesellschaft“ zu gründen. Deshalb sind nicht nur die Eigentumsverhältnisse, sondern auch die Gewinne auf eine andere Art und Weise organisiert und strukturiert.

Foto von Naja Bertolt Jensen auf Unsplash

Elobau

Einen etwas anderen Weg zu den beiden oben genannten Beispielen geht Elobau. Es war ein Familienunternehmen, bis der Geschäftsführer und Ex-Eigentümer Michael Hetzer beschloss, das Unternehmen in eine Stiftung umzuwandeln. Der gesamte Prozess dauerte mehr als sechs Jahre und kostete über eine halbe Million Euro, aber es hat sich gelohnt, so Hetzer. Nach dieser Umwandlung dürfen nur noch Mitarbeiter Entscheidungen treffen und von den Gewinnen profitieren.

Eine weitere interessante Sache, die sich geändert hat: Geldprämien, die vorher auf Basis des Lohns eines jeden Mitarbeiters verteilt wurden, werden nun zu gleichen Teilen auf jeden Mitarbeiter verteilt, da jeder Teil der Erfolgsgeschichte und wichtig für das Unternehmens ist.

Weitere Zweckgesellschaften sind unter purpose-economy.org zu finden.

Fazit

Auch wenn viele Unternehmen heutzutage versuchen, sich ein grünes Image zu verschaffen, gibt es nur wenige, die tatsächlich voll und ganz dafür stehen.
Purpose-Unternehmen bringt auch entscheidende Vorteile mit sich: Man ist nicht von Investoren abhängig, die Mitarbeiter haben eine zweite Motivationsebene und das Unternehmen arbeitet nur für sich selbst (und den Zweck, auf den man sich geeinigt hat).

Nichtsdestotrotz gibt es noch viele Hürden zu überwinden. Unternehmer, die diesen altruistischen Schritt wagen, sollten durch Vorschriften und Regulierungen unterstützt und nicht ausgebremst werden. Im Moment sind Zweckgesellschaften in den meisten Handelsgesetzen der Welt nicht vorgesehen.

Da wir nach den Regeln des Kapitalismus spielen, hat jedes Unternehmen ein Recht darauf, selbsttragend oder von Investoren unterstützt zu existieren. Natürlich braucht nicht jedes Unternehmen eine Verlagerung hin zu mehr Zweck und es ist wahrscheinlich auch nicht für jedes sinnvoll. Dennoch ist es spannend, eine Entwicklung von Strukturen und Organisationen zu beobachten. Niemand behauptet, dass die Zweckökonomie für jedes Unternehmen das Richtige ist, aber für einige ist es das offensichtlich.



Vielen Dank an ARTE für einige zielgerichtete Einblicke zu diesem Thema.

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